Božo Vrećo: Unverfroren Balkan, unverfroren queer.

Eine Engelsstimme vereint Welten.

In Bosnien schätzt man den Sevdah-Sänger für seinen Mut offen queer aufzutreten. In der Diaspora fasziniert er jene, die nach Vorbildern aus dem Balkan suchen.

Mila u Berlinu. Božo Vrećos Buch mit Sevdah-Lyrik und autobiographischen Texten

Ich gestehe, ich bin ein Fangirl. Schmachtende Seufzer gingen mir selten so leicht über die Lippen wie bei Božo Vrećo, dem autodidaktischen Sevdah-Sänger aus Foća. Der androgyne Vertreter der Musikrichtung wurde hierzulande schon als „die schönste Stimme des Balkans“ betitelt.

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Knotenpunkte in Bewegung

„Von Hier zu Mir“ – Acht Künstler_innen zwischen Balkan und Berlin

Von oben links nach unten rechts: Artuković, Titin, Pušija, Kamili, Sevin, Pertchinska, Balov, Georgopoulos

„Europas Rettung ist nicht die Europäisierung des Balkans, sondern die Balkanisierung Europas!“, so eröffnete am 8. Januar 2016 Jovan Balov die Ausstellung „Von Hier zu Mir“ im Bulgarischen Kulturinstitut Berlin. Hinter jenem Satz verbirgt sich der Zenitismus, eine in Jugoslavien entstandenen Kunstrichtung des frühen 20. Jahrhunderts.
Was haben die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen mit dieser Ausstellung zu tun? Gar nichts und ziemlich viel.
„Kaum einer in Deutschland hat vom Zenitismus gehört,“ stellt Kurator und selbst teilnehmender Künstler Jovan Balov fest, „während die russische Avantgarde nicht nur Kunstkennern ein Begriff ist.“ Das hat nicht zuletzt mit der Abwertung des Balkans zu tun, erklärt er weiter. Die heterogene Region zwischen dem sogenannten Orient und Okzident hat einerseits eine Reihe von Vorteilen gerade noch so zu Europa zu gehören und steht andererseits im Schatten Europas. Künstlerische Bewegungen werden als Reaktion auf westeuropäisches Kunstgeschehen gewertet, selten auf Augenhöhe. Es entsteht der Eindruck, der Balkan würde nur mitmachen, imitieren, sich anpassen. Mit der Referenz zum Zenitismus, der sich sehr deutlich gegen eurozentrische Maßstäbe richtete, ist Jovan Balov eine Gruppenausstellung gelungen, die den Balkan als lebendige Region porträtiert, die erschafft.
Dem Klischee des Balkans als Pulverfass zum Trotz ist die Ausstellung sehr positiv: Die Kunst wird zur Brücke, die Konflikte zu überwinden versucht.
„Dass türkische, griechische, mazedonische, bulgarische, albanische, serbische, bosnische und kroatische Künstler_innen zusammen ausstellen, ist allein eine politische Botschaft“, findet die Fotokünstlerin Semra Sevin.
So unterschiedlich wie die kreativen Köpfe sind auch die Werke, die sie präsentieren: Sie bilden ein Mosaik zeitgenössischer Kunst des Balkans in Berlin. Weiterlesen

Common Ground: Geschichte verbindet

CommonGroundAm Montag habe ich mir ein Theaterstück angeschaut: Common Groundvon der israelischen Regisseurin Yael Ronen, im Maxim Gorki Theater. Fünf Schauspieler_innen, die in den 90ern aus Ex-Jugoslavien nach Berlin gekommen sind, genauer gesagt aus Zagreb, Belgrad, Priboj, Banja Luka und Novi Sad, haben ihre Biografien auf der Bühne vereint. Ihre Kindheit ist von Flucht, Kriegstrauma und Assimilationszwang in Deutschland geprägt. Auf der Suche nach einer gemeinsamen Geschichte, reisen sie nach Bosnien. Mit an Bord sind zwei humoristische Sidekicks: Niels Borman, die Karikatur des Deutschen, der in jedes Klischee-Fettnäpfchen tritt, und die isrealische Konflikttherapeutin Orit Nahmias, die Parallelen zwischen dem Nah-Ost-Konflikt und dem Jugoslavienkrieg sucht.

Ein Mosaik aus Widersprüchen

Das mosaikartige Stück zeigt durch die verschiedenen Perspektiven Widersprüche und Sackgassen auf und stellt Fragen, statt nach Erklärungen zu suchen. Wie kann ein Common Ground“ aussehen, wenn jede Seite, die im Jugoslavienkrieg involviert war, ihre eigene Geschichte schreibt und die Wunden des Krieges noch nicht verheilt sind? Wie geht die jüngere Generation damit um, die den Großteil ihres Lebens in Deutschland verbracht hat?

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„Sei doch einfach du selbst!“

Liebe Menschen, die mir das sagen. Danke! Ihr habt es erfasst!
Seit ich denken kann lebe ich zwischen den Welten und bin wahrhaftig noch nie auf die Idee gekommen, dass ich einfach ich selbst sein könnte! Ich weiß auch seit einer langen Weile, dass ich bi bin und bin noch nie auf die Idee gekommen, dass ich einfach ich selbst sein könnte! Hach, jetzt wo ihr mir den Weg gezeigt habt, fühle ich mich so erleichtert: Wenn mich das nächste Mal ein Identitätskonflikt ereilt, wink ich ihm mit Freudentränchen und Taschentuch in der Hand zum Abschied und sage: Ich bin jetzt ich selbst, du kannst gehen! Wenn das nächste Mal jemand Bisexualität als Mythos abtut, sage ich: I don’t care, ich bin ja jetzt ich selbst. Wenn ich das nächste Mal durch Zagrebs Altstadt spaziere, Leute in meinem Alter kennenlerne und mich nach einer Sekunde als fremd oute, weil ich die Jugendsprache und die Codes nicht kenne und auch nicht die neuesten „Finten“, über die alle reden, dann sage ich mir: Ich bin einfach ich selbst und das Gefühl der Entwurzelung wird gehen. Von alleine.
Aber nein, so was geht nicht weg, wenn ich mit dem Gedanken durch die Welt marschiere, dass ich „ich selbst bin“. Manchmal kann dieser Gedanke hilfreich sein, wenn z.B andere von mir erwarten mich einzuordnen. Aber wenn ich von Problemen erzähle, mich über BiErasure in der queeren Szene beklage, wenn ich euch postmigrantische Identitätskonflikte anvertraue und Gefühle von Entwurzelung, dann haltet euch verdammt noch mal zurück mit euren Ratschlägen! Wenn ich nicht nach einem weisen Rat frage, will ich davon auch nichts hören, dann will ich mich meistens nur mitteilen. Ich will vorallem keine Ratschläge, wenn ihr in den Bereichen, die ich angesprochen habe, privilegiert seid. Dass ihr privilegiert seid heißt nicht, dass ihr keine Probleme habt, dass ihr nicht gute Ideen haben könnt, aber wenn ihr helfen wollt, dann fragt mich doch einfach, was ich gerade brauche: Vielleicht brauch ich einfach nur ein offenes Ohr! Behaltet dabei im Kopf, dass ihr privilegiert seid und was das heißt: Dass es für euch in bestimmten Lebensbereichen einfacher ist ihr selbst zu sein. Wenn mir eine heterosexuelle Person sagt „Also, wenn ich bi ware, ich würde da einfach drauf scheißen und ich selbst sein“, dann finde ich das krass herablassend! Weiterlesen

Ein Hochzeitsgruß aus der Diaspora

Kurze Vorstellung meines Videos, ein Hochzeitsgruß aus der Diaspora
(gedreht: Oktober 2013)

Meine große Schwester Ena hat letztes Jahr in Skopje geheiratet. Die Feier war sehr kurzfristig angesetzt, sodass ich nicht dabei sein konnte. Also habe ich mich mit meiner anderen Schwester Annamaria und ihrer besten Freundin Pauline zusammen getan, um ihr ein Hochzeitsgeschenk zu machen. Der Plan: Uns über ein Video nach Skopje teleportieren. (Hier Diaspora, bitte Landung genehmigen, Ende.)
Eigentlich war mein Wunsch, dass das Video bei der Hochzeitszeremonie vor versammeltem Publikum gezeigt wird. Probleme mit Schnittprogramm, Internetverbindung und Kommunikation standen dem leider im Weg. Weiterlesen

Mehrfachverknotet im Empowerment-Workshop

Ich habe letztes Wochenende an einem anti-sexistischen FLT*I-Selbstbehauptungs-Workshop teilgenommen. Neben dem positiven Gefühl im Bauch, neue Handlungsspielräume erarbeitet und gefunden zu haben, sowie neue Kontakte geknüpft zu haben, tauchten einige Fragezeichen wieder auf.  Da war ein Knäuel aus Problemen und Gedanken, die mit Mehrfachzugehörigkeiten zusammen hängen, das ich nicht entwirren konnte. Postmigrantischer Identitätskonflikt meets anti-sexistische Strategie… Der Moment, wo ich den Erfahrungsschatz der Teilnehmenden nicht mehr anzapfen konnte, denn die Gruppe war bis auf eine Ausnahme weiß und mehrheitsdeutsch. Der Moment, wo ich mir klar machen musste, warum bestimmte Dinge für mich nicht funktionieren.

Ein Rollenspiel: Wir sollten uns eine sexistische Situation überlegen, die wir schon mal erlebt haben. Jede_r sollte selbst den Macker aus ihrem_seinem Erlebnis spielen. Ich hab also einen 50-jährigen Künstler aus Mazedonien gespielt und die anderen aus der Gruppe mich, um so Strategien zu sammeln. Das Szenario war: Ich, also Ich-ich, sitze mit dem Typen tagsüber im Café in Skopje, wir kennen uns seit ein paar Tagen, er kennt meinen Vater (dieser ist nicht dabei), eine kleine Vertrauensbasis ist da. Er will mir später Skopjes Nachtleben zeigen und mit mir durch die Stadt spazieren. Als wir unseren Kaffee schlürfen, beginnt er mein Aussehen zu bewerten: „Dein Gesicht ist charismatisch, hat was, aber deine Figur… ein bisschen zu dick. Sind halt die Gene, kannst nichts machen.“ Ich fühl mich in die Ecke gedrängt, verletzt, denk: Was nimmt der sich heraus meinen Körper auszuchecken? In der realen Situation bleibe ich in der Defensive und bekomme meinen Raum nicht zurück. Als er mein Unwohlsein bemerkt, sagt er: „Entspann dich mal ein bisschen, sei nicht so typisch-deutsch!“ Gemeint ist: Denk doch nicht, dass ich dir was böses will, sei nicht so reserviert wie die Deutschen. Weiterlesen