Brief an mein Schreiben

Beinahe hätte ich dich an den Zweifeln und Elitismus verloren. Doch ich habe mir eine dicke Haut zugelegt, den Mittelfinger gespitzt und mich an eine fast vergessene Weisheit erinnert: Schreiben darf Spaß machen!

Ich sitze schreibend am See

Ich sitze am See und schreibe… nur so, weil es Spaß macht.


Wir hatten unsere Startschwierigkeiten. Kaum hatte ich gelernt den Kamm des E in die richtige Richtung zu setzen, kam uns die Schönschrift mit Füllfederhalter dazwischen. Doch eines Tages merkte die Lehrerin an, ich hätte Fantasie. In meinem Aufsatz hatte Fine nämlich einen „Tediberen“ und der war verzaubert und konnte sprechen. Als „ausländisches Kind“ wurde ich lange für mein rollendes R verspottet, doch offensichtlich spielte das keine Rolle mehr, wenn ich Stift und Papier in die Hand nahm. Ich war dir schnell mit Haut und Haaren verfallen und bald schrieb ich etwas, das sich sogar fast reimte! Mutti, selbst Autorin, war völlig aus dem Häuschen. Von nun an erzählte ich jedem: „Wenn ich groß bin, werde ich Schriftstellerin“, ungeahnt der fürchterschrecklichen Entsetzlichkeiten, die mir noch bevorstanden. Weiterlesen

Advertisements

B punkt

Ein Gedicht über Bi-Feindlichkeit und Bi-Erasure1.

bi-erasure

Bunte Filzstifte und drei Fragezeichen in blau, violett und pink. (Bild: Paula Balov)

B Punkt

ich bin die linie zwischen zwei spalten
selten eine eigene
bin so hip und modern
seit jahrhunderten
ich komm in chartshits vor
und bleibe doch ungehört
ich bin pubertär sagen sie
vielleicht kennen wir uns
vom flaschendrehen
für die meisten
werde ich nicht alt
bin der notfallplan
im alter
als lügnerin verschrien
die bloß mittanzen will
skandalgeile rampensau
Weiterlesen

aufbruch

Eine Straßenlaterne leuchtet im Morgengrauen

Eine Straßenlaterne leuchtet im Morgengrauen (Bild: Paula Balov)

aufbruch

ich seh die hand vor augen wieder
und vor den füßen fallen
immer noch
es ist zu früh an frühling zu denken doch
die tage beginnen wieder

ich hör die ruhe im sturm wieder
und kopfgespenster kreischen
immer noch
es ist zu früh ans pfeifen zu denken doch
die tage atmen wieder

Weiterlesen

Pornogeplauder (Pantun)

Ein Mitschnitt des Auftritts am 5. Juni 2014, bei der Spoken Word Show „Protestgrübchen“, im L.U.X.

 

Pornogeplauder

Wir sitzen am Küchentisch und reden.
Reden und rauchen und schlürfen Tee,
im Hintergrund läuft Peaches und wir
diskutieren über den Porno von letztens.

Wir reden und rauchen und schlürfen Tee,
versinken in Kopfkinos, kehren zurück,
diskutieren über den Porno von letztens,
der so queer und alternativ war.

Wir versinken in Kopfkinos, kehren zurück,
debattieren über BDSM-Szenen,
die so queer und alternativ waren
und über sexpositiven Feminismus. Weiterlesen

ein spaziergang mit skopje

Ein Spoken-Word-Gedicht, entstanden in einem Workshop von Katinka Kraft. Wenn ihr es live performt hören und sehen wollt, kommt am 5. Juni 2014 um 19 Uhr 30 ins L.U.X, da tritt die Schreibgruppe auf:
Protestgrübchen – eine Spoken Word Show
.

(Schlesischestr. 41, 10997 Berlin / Barrierefreier Eingang für Rollifahrer*innen: Oberbaumstr. 10, Eintritt: 3-5€)

sie haben dir den plan aufgetischt:
optimierung bis 2014.
dich in ein korsett gesteckt,
dich nicht gefragt,
rot mit filigranen sonnen bestickt.
die schnüre festgezogen,
die stäbe hart wie säulen,
die geschichte stützen müssen. Weiterlesen

Ein Dienstag in Skopje

Foto - Ein Dienstag in Skopje

Diese Kurzgeschichte habe ich 2009 geschrieben. Gerade (29.11.2013 – 26.01.2014) wird sie im „Prima Center Berlin“ als Teil der offenen Gruppenausstellung „DAS IST WALTER!“ ausgestellt.

An diesem Dienstag in Skopje fragt die Oma ihre Enkelin: Liebling, bist du hungrig? Und die Enkelin sagt: Nein, Oma, immer noch nicht. Dann hüpft die Oma zum Herd und sagt: Burek und der Bohneneintopf von gestern sind noch da, und die Enkelin sagt: Nein, Oma, ich habe keinen Hunger. Dann guckt die Oma in den Kühlschrank und sagt: Kakao oder Schokolade? Baklava? Kind, kannst doch wirklich nicht nichts essen!Und die Enkelin sagt: Doch, Oma, ich habe keinen Hunger.

An diesem Dienstag in Skopje gehen zwei Punks zu einem Parkprotest. Da wird es ein Festival geben, bei dem sie auftreten werden.Aber bitte plapper keinen Politikkram mehr zwischen den Songs, sagt der mit den grünen Dreadlocks. Es geht doch um Freiheit geht es, meint der Dickbebrillte und fummelt an seinem Piercing. Eigentlich um den Bau dieser komischen Kirche da. Der Dickbebrillte bleibt stehen, räuspert sich und schildert mit großen Gesten: Es geht um die Konservativen, die hunderte Hungrige beten schicken, anstatt mit der Summe die Sozialhilfe aufzubessern. Er geht weiter. Hast ja Recht, aber lass das Politikzeug lieber zwischen den Zeilen.
Der Dickbebrillte schüttelt seinen rasierten Schädel und sagt:
Bist’ n klassischer Mazedonier bist du. Glückwunsch, immer schön die Klappe halten, solang du in dein Brot beißen kannst.

Weiterlesen