Božo Vrećo: Unverfroren Balkan, unverfroren queer.

Eine Engelsstimme vereint Welten.

In Bosnien schätzt man den Sevdah-Sänger für seinen Mut offen queer aufzutreten. In der Diaspora fasziniert er jene, die nach Vorbildern aus dem Balkan suchen.

Mila u Berlinu. Božo Vrećos Buch mit Sevdah-Lyrik und autobiographischen Texten

Ich gestehe, ich bin ein Fangirl. Schmachtende Seufzer gingen mir selten so leicht über die Lippen wie bei Božo Vrećo, dem autodidaktischen Sevdah-Sänger aus Foća. Der androgyne Vertreter der Musikrichtung wurde hierzulande schon als „die schönste Stimme des Balkans“ betitelt.

Weiterlesen

Advertisements

Brief an mein Schreiben

Beinahe hätte ich dich an den Zweifeln und Elitismus verloren. Doch ich habe mir eine dicke Haut zugelegt, den Mittelfinger gespitzt und mich an eine fast vergessene Weisheit erinnert: Schreiben darf Spaß machen!

Ich sitze schreibend am See

Ich sitze am See und schreibe… nur so, weil es Spaß macht.


Wir hatten unsere Startschwierigkeiten. Kaum hatte ich gelernt den Kamm des E in die richtige Richtung zu setzen, kam uns die Schönschrift mit Füllfederhalter dazwischen. Doch eines Tages merkte die Lehrerin an, ich hätte Fantasie. In meinem Aufsatz hatte Fine nämlich einen „Tediberen“ und der war verzaubert und konnte sprechen. Als „ausländisches Kind“ wurde ich lange für mein rollendes R verspottet, doch offensichtlich spielte das keine Rolle mehr, wenn ich Stift und Papier in die Hand nahm. Ich war dir schnell mit Haut und Haaren verfallen und bald schrieb ich etwas, das sich sogar fast reimte! Mutti, selbst Autorin, war völlig aus dem Häuschen. Von nun an erzählte ich jedem: „Wenn ich groß bin, werde ich Schriftstellerin“, ungeahnt der fürchterschrecklichen Entsetzlichkeiten, die mir noch bevorstanden. Weiterlesen

B punkt

Ein Gedicht über Bi-Feindlichkeit und Bi-Erasure1.

bi-erasure

Bunte Filzstifte und drei Fragezeichen in blau, violett und pink. (Bild: Paula Balov)

B Punkt

ich bin die linie zwischen zwei spalten
selten eine eigene
bin so hip und modern
seit jahrhunderten
ich komm in chartshits vor
und bleibe doch ungehört
ich bin pubertär sagen sie
vielleicht kennen wir uns
vom flaschendrehen
für die meisten
werde ich nicht alt
bin der notfallplan
im alter
als lügnerin verschrien
die bloß mittanzen will
skandalgeile rampensau
Weiterlesen

aufbruch

Eine Straßenlaterne leuchtet im Morgengrauen

Eine Straßenlaterne leuchtet im Morgengrauen (Bild: Paula Balov)

aufbruch

ich seh die hand vor augen wieder
und vor den füßen fallen
immer noch
es ist zu früh an frühling zu denken doch
die tage beginnen wieder

ich hör die ruhe im sturm wieder
und kopfgespenster kreischen
immer noch
es ist zu früh ans pfeifen zu denken doch
die tage atmen wieder

Weiterlesen

Knotenpunkte in Bewegung

„Von Hier zu Mir“ – Acht Künstler_innen zwischen Balkan und Berlin

Von oben links nach unten rechts: Artuković, Titin, Pušija, Kamili, Sevin, Pertchinska, Balov, Georgopoulos

„Europas Rettung ist nicht die Europäisierung des Balkans, sondern die Balkanisierung Europas!“, so eröffnete am 8. Januar 2016 Jovan Balov die Ausstellung „Von Hier zu Mir“ im Bulgarischen Kulturinstitut Berlin. Hinter jenem Satz verbirgt sich der Zenitismus, eine in Jugoslavien entstandenen Kunstrichtung des frühen 20. Jahrhunderts.
Was haben die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen mit dieser Ausstellung zu tun? Gar nichts und ziemlich viel.
„Kaum einer in Deutschland hat vom Zenitismus gehört,“ stellt Kurator und selbst teilnehmender Künstler Jovan Balov fest, „während die russische Avantgarde nicht nur Kunstkennern ein Begriff ist.“ Das hat nicht zuletzt mit der Abwertung des Balkans zu tun, erklärt er weiter. Die heterogene Region zwischen dem sogenannten Orient und Okzident hat einerseits eine Reihe von Vorteilen gerade noch so zu Europa zu gehören und steht andererseits im Schatten Europas. Künstlerische Bewegungen werden als Reaktion auf westeuropäisches Kunstgeschehen gewertet, selten auf Augenhöhe. Es entsteht der Eindruck, der Balkan würde nur mitmachen, imitieren, sich anpassen. Mit der Referenz zum Zenitismus, der sich sehr deutlich gegen eurozentrische Maßstäbe richtete, ist Jovan Balov eine Gruppenausstellung gelungen, die den Balkan als lebendige Region porträtiert, die erschafft.
Dem Klischee des Balkans als Pulverfass zum Trotz ist die Ausstellung sehr positiv: Die Kunst wird zur Brücke, die Konflikte zu überwinden versucht.
„Dass türkische, griechische, mazedonische, bulgarische, albanische, serbische, bosnische und kroatische Künstler_innen zusammen ausstellen, ist allein eine politische Botschaft“, findet die Fotokünstlerin Semra Sevin.
So unterschiedlich wie die kreativen Köpfe sind auch die Werke, die sie präsentieren: Sie bilden ein Mosaik zeitgenössischer Kunst des Balkans in Berlin. Weiterlesen

Elektra (Trailer)

Ein Trailer, den ich für Theater Augenschein gemacht habe.

Hugo von Hoffmansthal – Elektra

„Klytämnestra und Ägisth haben den König Agamemnon erschlagen.
Klytämnestra in vollem Bewusstsein Ihres Rechtes: Ihr Mann Agamemnon hat dem Krieg gegen Troja die gemeinsame Tochter Iphigenie geopfert. Elektra akzeptiert dieses Recht nicht. Sie bringt daraufhin ihren kleinen Bruder Orest in Sicherheit, der außer Landes als Rächer seines Vaters erzogen werden soll.
Während die Palastbewohner, darunter auch Klytämnestras Tochter Chrysothemis, verzweifelt kämpfen, in dieser Situation zu überleben, hält Elektra als einzige die Erinnerung an den Mord wach.
Doch so kann es kein (Über)leben geben. Elektra wartet besessen auf den Tag der Vergeltung…

Aufführungen:
08. – 10.01. 2016 20:00 Uhr
im Theaterforum Kreuzberg,
Eisenbahnstraße 21,
10997 Berlin

Immerhin hab ich das Semesterticket!

Fertige (4)

„Freuen Sie sich aufs Studieren,“ sagte die Frau vom Jobcenter, als ich frisch nach dem Abi bei ihr landete, „Es wird die schönste Zeit ihres Lebens.“ Ähnliches hörte ich auch von Freund_innen und Verwandten. Ich freute mich auf die Zeit, immerhin wurde sie mir von allen Seiten schmackhaft gemacht. Die Leute bezogen sich dabei nicht auf Ermäßigungen, das Semesterticket oder das Kneipenleben, sondern auf diese ach so freie – nein, die freieste Form des Lernens, Forschens, Weiterdenkens, auf die unzähligen Perspektiven, die sich ergeben würden blablabla.
Nach einem halben Jahr jobben, war es nun so weit: Ich war Studentin an der Uni Regensburg und studierte Südosteuropa-Studien, ein Semester später wechselte ich an die HU und entschied mich für Regionalstudien Asien/ Afrika mit Schwerpunkt China. (Inwieweit der Studiengang verschiedene Rassismen (re)produziert, wäre ein Thema für sich. Deshalb nur eine Leseempfehlung: Der Text von Noah Sow  „The Beast in the Belly“ über die Aneignung von Schwarzem Wissen und den Ausschluss von Schwarzen Akademiker_innen aus deutschen Hochschulen, hat mich in vielen Punkten an die Regionalstudien erinnert.)

Meine Erwartungen klangen in meinen Ohren eigentlich nicht sehr naiv. Ich dachte nämlich, in einem Seminar ginge es in erster Linie ums Lernen: Darum, in der Gruppe einen Text zu erarbeiten, eine Atmosphäre zu schaffen, in der jede_r seine_ihre Ideen und (Verständnis-)Probleme einbringen konnte und hoffentlich mit dem Gefühl raus kam: Geil, ich hab was kapiert, ich hab einen Zusammenhang erkannt, ich habe die und die Fragen gefunden, die ich spannend finde… Weiterlesen