Božo Vrećo: Unverfroren Balkan, unverfroren queer.

Eine Engelsstimme vereint Welten.

In Bosnien schätzt man den Sevdah-Sänger für seinen Mut offen queer aufzutreten. In der Diaspora fasziniert er jene, die nach Vorbildern aus dem Balkan suchen.

Mila u Berlinu. Božo Vrećos Buch mit Sevdah-Lyrik und autobiographischen Texten

Ich gestehe, ich bin ein Fangirl. Schmachtende Seufzer gingen mir selten so leicht über die Lippen wie bei Božo Vrećo, dem autodidaktischen Sevdah-Sänger aus Foća. Der androgyne Vertreter der Musikrichtung wurde hierzulande schon als „die schönste Stimme des Balkans“ betitelt.

Doch was ist Sevdah überhaupt?

Im 15. Jahrhundert vermischte sich osmanische und sephardische Musik mit der urbanen Liebeslyrik Bosniens & Herzegowinas und südslawischen Elementen. Über die Zeit flossen Klänge der Sinti und Roma mit ein. Sevdah heißt auf Türkisch „Liebe“ und auf Arabisch „schwarze Galle“: Tiefe Trauer und Sehnsucht bilden die Pfeiler der Folklore, ebenso ihre tröstende Wirkung. Die Lieder, auch Sevdalinke genannt, werden traditionell mit Saz, Akkordeon, Geige, Tamburin oder Gitarre gespielt. Moderne Interpreten erweitern das Repertoire um andere Instrumente, jazzige und sogar elektronische Elemente.

Den Balkan queeren

Božo Vrećo bricht noch ganz andere Konventionen. Er erlebt sich als Frau und Mann in einem, was sich z.B. als bigender übersetzen ließe, und erzählt in Interviews, dass er sich in Männer und auch in Frauen verliebt. Božo tritt in hochhackigen Schuhen und eleganten Kleidern auf – ebenso stolz trägt er seinen Bart und die Tattoos mit südslawischen und religiösen Symbolen. Für die Stücke schlüpft er in Perspektiven verschiedener Geschlechter und kombiniert weibliche und männliche Gesangstechniken. Božo zelebriert nichtbinäre Feminität mit einer Selbstverständlichkeit, die man nicht unbedingt in einem Folk-Genre in Bosnien vermutet. Sevdalinke sind meist traditionelle Gedichte, viele entspringen jedoch Božos Feder. Dafür zieht er oft weibliche Narrative heran – die Liebe zu seiner Mutter ist z.B. ein Leitmotiv. Ihr hat er sogar ein Buch gewidmet, mit Sevdah-Lyrik und kurzen, autobiographischen Texten. Der Titel „Mila“ ist der Vorname seiner Mutter.
Im Musikvideo zu „Jalah“ stellt er muslimische, jüdische und christliche Symbole nebeneinander. In anderen Videos tanzt er durch Sarajevo und Mostar oder streift durch Landschaften Bosnien & Herzegowinas.
Seit er dieses Jahr seine Beziehung mit einem Mann öffentlich gemacht hat, erlebt er Anfeindungen. Dennoch ist die mediale Resonanz im ehemaligen Jugoslawien insgesamt positiv. Dem Magazin Voxfeminae erzählte er 2015: „Menschen umarmen mich auf der Straße. Bislang hatten wir so etwas nicht in Bosnien. Das ist ein großer Schritt für uns alle!“

Božo widmete sein neuestes Lied seiner Kindheitsfreundin Elma, die im Krieg gestorben ist.

Queer balkanisieren

Viele Kilometer weiter in der Diaspora, hat er auch mich fasziniert. Es ist nicht nur seine kristallklare Stimme, oder die Gänsehaut, wenn er zum ersten Ton ansetzt, sondern dieses warme Kribbeln… wenn man sich repräsentiert fühlt. Ich weiß schon, dass ich privilegierter bin als nicht-weißen Bisexuellen in Deutschland oder LGBTQ-Personen in Ex-Jugoslavien. Dennoch musste ich als Postmigrantin lernen Balkan und Queer separat zu leben, was auf eine subtile Weise schmerzhaft ist. Es ist das Gefühl nirgendwo so richtig reinzupassen, zu Balkan für Queer und zu queer für Balkan zu sein: Mehrheitsdeutsche Queers assoziieren mit Balkan oft nur Rückständigkeit und Homofeindlichkeit und queere Subkulturen sind hierzulande insgesamt sehr westlich orientiert. Meine Bekannten aus Ex-Yu sind selten queer – auch wenn sie es sind, belächeln sie oft postmigrantische Perspektiven. Das sei bloß naive Nostalgie – warum sollte auch sonst jemand bosnische Folklore hören, der in Deutschland aufgewachsen ist?
Božo bildet die Brücke, nach der ich mich oft sehne, da er beide Welten im musikalischen Schmelztiegel der Balkankulturen so unmissverständlich vereint. Er setzt außerdem Homonormativität etwas entgegen – das beschreibt das Phänomen, wenn der westliche, weiße, bürgerliche Cis-Schwule zum Gesicht der LGBT-Bewegungen wird, atheistisch nicht zu vergessen. Božo bricht die westlichen Seh- und Hörgewohnheiten einer queeren Performance. Als bosnischer Serbe distanzierte er sich vom serbischen Nationalismus und frönt der multikulturellen und multireligiösen Prägung Bosniens & Herzegowinas. Er queert den Balkan und balkanisiert Queer. Und wenn er singt, möchte ich am liebsten für immer träumen.

Traumhaft… mein allerliebstes Lieblingslied „Pašana“

Lesetipp: „Queering Sevdah with Božo Vrećo“ von Tea Hadziristic (auf Balkanist), ein akademischer Artikel über Božo Vrećo und die Verschränkung von Queer, Balkan und Nationalismus.

P.S. Nachdem dieser Text schon fertig war, informierte man mich über ein Interview, in dem Božo femme-feindliche und insgesamt nicht sehr solidarische Aussagen gemacht hat, bzw. die Vorurteile der Interviewerin bestätigte anstatt sie zu brechen. Ich war sehr enttäuscht, habe mich aber entschieden dennoch den Text zu veröffentlichen, da das, was mich an ihm fasziniert hat immernoch gültig ist. Ich hoffe, er reflektiert seine Aussagen noch irgendwann. Für mein Fangirl-Herz war das eine wichtige Lektion: Don’t idealize anyone, there are no unproblematic faves!

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