Feuchtgebiete (Rezension)

Immer wieder werde ich gefragt, meist mit entsetzten, fragenden oder angewiderten Gesichtsausdrücken, warum Feuchtgebiete seit Jahren mein Lieblingsbuch ist. Auch den Film, der letztes Jahr raus kam, finde ich großartig, sogar fast noch besser, weil er humorvoller und punkiger ist und eine sehr poetische Erzählweise hat.

Ich habe die Rezension ausgegraben, die ich vor Jahren für Amazon geschrieben hab.

Feuchtgebiete

Armes, falsch verstandenes Buch!

Ich habe mich lange geweigert dieses Buch zu lesen, da alle möglichen Bekannten und Freund_innen ungeheuerlich empört darüber waren, dass es so unvorstellbar eklig sei. Es sei Schund, hätte keine Handlung, es sei schlecht geschrieben, sinnlos, wär nur auf Provokation aus und vor allem würde es Kotzkrämpfe auslösen.
Als ich es dann doch gelesen habe, um mich selbst zu überzeugen, dachte ich nur eins: Armes Buch! Dieses arme, falsch verstandene bzw. eben nicht verstandene Buch!
Ich frage mich wie es so viele Leute geschafft haben über das Wesentliche hinweg zu lesen.
Natürlich ist das Buch eklig, natürlich habe auch ich ein paar Mal das Gesicht verzogen, aber ich hatte in keiner Sekunde das Gefühl, dass das Buch ausschließlich provozieren möchte…
Es möchte Ekel hinterfragen.
Warum ist etwas eklig? Ist dieser Ekel natürlich oder anerzogen? Was ist ekliger daran Sperma auf Pizza zu essen oder unter den Fingernägeln zu sammeln als es beim Sex zu schlucken? Warum ist jemand, die sich gekochte Eier oder Avocadokerne in die Vagina stopft, ekliger als jemand, die dafür nur Sexspielzeug benutzt? Was ist eklig daran Vaginalsekret als Parfüm bzw. Lockstoff zu verwenden, wenn die_der angelockte Liebhaber_in beim Sex sicher kein Problem mit dem Sekret hat? Warum empören sich manche über den Fetisch, jemand Unbekanntes intim zu rasieren mehr als über einen Fußfetisch?
All das sind interessante Fragen, die das Buch aufwirft – durch künstlerische Überspitzung, die für so ein pikantes Thema notwendig war.
Die zentrale Frage dieses Buchs ist meiner Meinung nach: Warum wird die Grenze zwischen einer „normalen“ und einer „perversen“ Sexualität (vor allem bei Frauen) immer nur erweitert, wodurch das „Heilige und Hure“-Schema weiterhin bestehen bleibt, anstatt diese Kategorien gänzlich über Bord zu werfen? Warum lautet die Grenze nicht: Normaler Sex ist konsensuell, Punkt?
Das Schwerpunktthema des Romans ist der Hygienezwang.
Warum ein bestimmtes Verhalten hygienisch ist können die wenigsten noch begründen: Sie verhalten sich, wie sie erzogen wurden. Die Protagonistin Helen Memel untersucht kompromisslos, wo Hygiene überbewertet wird, indem sie genau das Gegenteil von dem tut, was angeblich hygienisch ist. Vor allem protestiert sie damit gegen die Erziehung ihrer Mutter.
Helen Memel ist eine Person, die ausgiebig an ihrem Körper und vor allem Unterleib rumspielt, mit Körperflüssigkeiten experimentiert, für einige Körperausscheidungen neue Wörter erfindet und neugierig ist, wo andere die Nase rümpfen.
Das stellt die Normen infrage, die sich in der heutigen Gesellschaft entwickelt haben:
Übertriebenes Schamgefühl, Angst vor Bakterien als seien sie Monster, Ekel vor den eigenen Schamhaaren als seien sie Fremdkörper, weil die Mainstream-Pornoindustrie vorgibt, wie’s untenrum auszusehen hat, der dadurch entstandene Irrglaube, Cis-Frauen hätten im Rektalbereich keine Schamhaare, Körperflüssigkeiten, die generell als eklig abgetan werden, Körpergerüche, die mit Parfüms abgetötet und als lästig befunden werden und die Menstruation, die ein böser Lustkiller ist.
Analysiert man Helen Memel aus einer feministischen Perspektive, findet man eine sehr progressive, bisexuelle Figur, die exhibitionistisch und promiskuitiv ist ohne etwas zu bereuen, die nichts auf Sexualmoral gibt und in den Puff geht, obwohl dies nur Männern vorbehalten ist, die Beziehungen nicht romantisiert (es sei denn, es geht um die verflossene Ehe ihrer Eltern), die ungehemmt sexuelle Fantasien auslebt, kein Blatt vor den Mund nimmt und deren Sexualität sich nicht auf einen Typen bezieht. Oft wird weibliche Lust in Abhängigkeit zum Mann konstruiert, wodurch es mehr um die Lust des Typen geht, das ist hier anders: Helen Memels lebt eine selbstbestimmte Sexualität ohne das Ziel männlich-heterosexuelle Fantasien zu befriedigen. Genauso orientiert sich das Buch nicht am männlich-heterosexuellen Blick.
Das geniale an dem Roman ist, dass er sich traut aus den alltäglichsten und „primitivsten“ Feststellungen Literatur zu machen, z. B das Problem mit produzierten Geräuschen und Gerüchen auf öffentlichen Toiletten. Wir wissen doch eigentlich alle, wie bescheuert es ist, dass uns das peinlich ist…
Das ist meines Erachtens eine wesentliche Aufgabe von Literatur: Sie soll bewusst machen.
Den Vorwurf, das Buch hätte keine Handlung kann ich nicht verstehen. Die erzählte Zeit beträgt einige Tage, die die Protagonistin im Krankenhaus verbringt, nachdem sie sich bei einer Intimrasur anal verletzt hat. Dort erlebt sie vielerlei Dinge, versucht ihre Eltern wieder zusammen zu bringen, denkt über ihre kaputte Familie nach und die Beziehung zu ihren Eltern, beobachtet die Verhaltensweisen von Krankenschwestern, verliebt sich, verwirrt mit ihrer sexuellen Offenheit die Krankenpfleger, beobachtet den Heilungsprozess ihrer Wunde und spielt natürlich viel an sich rum… Das meiste wird über Rückblenden erzählt.
Im Zentrum stehen Helen Memel, ihre Persönlichkeit, ihre Gedanken, Beobachtungen und Selbstexperimente, alles weitere würde vom Wesentlichen ablenken.
Die Protagonistin macht trotz der kurzen Zeit eine Entwicklung durch, sie ist am Ende des Buches eine andere Person als am Anfang.
Zum Vorwurf, das Buch sei schlecht geschrieben: Die Sprache ist unverblümt, umgangssprachlich und plump, was zur Protagonistin passt. Das Buch ist so geschrieben, wie Helen Memel sprechen würde. Charlotte Roche selbst sagt, dass sie so schreibt wie sie spricht und vor allem für Leute schreibt, die sonst nicht so gerne lesen.
Mein Urteil: Genial, lesenswert und nicht zu Unrecht ein Bestseller!
Lies es, lieber Mensch, der gerade diese Rezension überfliegt. Sei es auch nur, weil du nichts besseres zu tun hast, gerne empört bist oder dich in deinem Bekanntenkreis mit-aufregen möchtest.
Vielleicht verstehst du versehentlich worum es wirklich geht…

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